Die 4½ -Zimmer-Wohnung mit Balkon und Fenstern auf drei Seiten war für 870 Franken pro Monat ausgeschrieben. Inklusive Nebenkosten. Ich habe sie mir nicht angeschaut. Aber ich wäre gerne «Im Feld» eingekehrt. Das Gasthaus gefällt, die Aussicht berauscht, das Essen schmeckte immer vorzüglich. Corona aber – so diktierten der Wirt und sein Partner im Mai den Medien – habe den Weiterbetrieb unmöglich gemacht. Sie kündigten 15 Mitarbeitenden. Knapp war es schon vorher gewesen.

Schwierige Bedingungen
Im Sitzungszimmer des Gemeindehauses von Gurtnellen sind zwei unterschiedliche Tische aneinandergerückt. «Man fühlt sich von der Regierung schon etwas alleine gelassen», sagt Verena Tresch, die Gemeindepräsidentin. Dank der Initiative der Bevölkerung unterhält die Post immerhin noch eine Zweigstelle im «Seelsorgeraum» an der Dorfstrasse. Gewerbebetriebe gibt es fast keine mehr, die Bank hat bereits geschlossen, dem Dorfladen fehlt die grosse Kundschaft. Verena Tresch steht der Gemeinde seit Anfang 2020 vor. Nicht ganz freiwillig, denn niemand wollte das Amt übernehmen. Sie aber hatte schon einmal im Gemeinderat gesessen.

Die Talflanken steigen auf beiden Seiten steil an. Von hier drohen Felsenstürze, von dort Lawinen. Die Autobahn zieht auf einem Viadukt dem Hang entlang. 1987 riss die Reuss das Pfarrhaus und einen Teil des Friedhofs mit. Der tiefste Punkt der Gemeinde liegt 490 m ü. M., der höchste auf 3107 m ü. M. Keine einfache Ausgangslage. Oder wie Strukturpolitiker sagen würden: ein potenzialarmes Dorf.

Weiter oben in Uri, das heisst in Andermatt, baut der ägyptische Investor Samih Sawiris an seinem Resort als gäbe es kein Morgen. Die Waren in den Boutiquen werden immer teurer, die Zahl der Gäste mit Maseratis und ähnlichem Spielzeug hat sich exponentiell erhöht. Gurtnellen vertraute auf Versprechungen, dass es auch bei ihnen im Dorf aufwärts gehen werde. Heute leben 531 Personen in Gurtnellen. Vor 15 Jahren, als Sawiris in Andermatt einstieg, waren es noch 644. Jetzt hoffen einige, dass wenigstens der Bau der zweiten Strassenröhre durch den Gotthard mehr Leute bringt. So zieht ein Unternehmer beim Bahnhof gezielt ein Haus mit kleinen Wohnungen in die Höhe. Kleine Wohnungen aber sind auf Dauer wenig geeignet für ein solches Dorf, es braucht Familien, nicht Einzelpersonen, die nur für kurze Zeit hier arbeiten.

«Nein, der Boom durch Samih Sawiris hat uns hier nichts gebracht», sagt Verena Tresch. Ein Detail, das für Kantonsparlament und Kantonsregierung nicht von Belang zu sein schien. Sie haben dem milliardenschweren Investor das Ehrenbürgerrecht zugejubelt für seine Verdienste um Uris Wirtschaft. Dabei hat der Kanton unter anderem auf Millionen verzichtet, indem er Samih Sawiris die Grundstückgewinnsteuer erliess. Nein, Gurtnellen hätte keinen Grund, Sawiris zum Ehrenbürger zu ernennen.

Etwas Bewegung gibt es touristisch in Gurtnellen aber dennoch: Auf dem Arni, einer idyllischen Sonnenterasse mit kleinem See auf fast 1400 Metern über Meer, sind neue Ferienhäuser geplant. Das Projekt einer Urner Immobilienfirma wird zurzeit durch Einsprachen verzögert. Das Gebiet ist reizvoll, durch zwei Luftseilbähnli gut erschlossen und zum Wandern fast paradiesisch. Und wo kann man im Winter schon durch Löcher unters Eis tauchen? Ja, da hat Gurtnellen durchaus Potenzial.

«Dauernd auf der Suche nach Geld»
Das ändert nichts daran, dass kleinen, strukturschwachen Gemeinden oft das Geld fehlt. So auch in Gurtnellen. Der innerkantonale Finanzausgleich unterstützt nur beschränkt, zudem zahlen nicht alle im Dorf ihre Steuern – weil sie nicht können oder nicht wollen. Wie an vielen Orten belastet die wirtschaftliche Sozialhilfe die Kasse überaus stark. Die Verschuldung pro Kopf ist schon jetzt überdurchschnittlich hoch, ebenso der Steuerfuss.

Obwohl sich der Kanton beispielsweise an den Kosten für die Reparaturen an der riesigen Lawinenverbauung am Geissberg beteiligt, strapazieren die Aufwendungen die Gemeindefinanzen sehr. Auch für die Instandstellung der Wasserversorgung ist Gurtnellen auf Hilfsgelder angewiesen. So hat die Gemeinde bis Ende 2019 von Bund, Kanton und Korporation Uri bereits 140‘000 Franken erhalten. Die Organisation Patenschaft für Berggemeinden hat gleichzeitig 685‘000 Franken an Spendengeldern für die neue Wasserversorgung geschickt. Das sichert das Überleben der Gemeinde – und dafür ist sie dankbar.

Die Probleme sind damit nicht gelöst. Im Juni vor einem Jahr ging vom Osthang ein Murgang nieder. Die Schlamm- und Gerölllawine bahnte sich einen Weg durchs Siedlungsgebiet über die Kantonsstrasse bis zum Schulhaus. Der Bund schützt in diesem Gebiet die Gotthardautobahn mit einem neuen Damm. Das nützt dem Dorfteil Gurtnellen-Wiler nichts. Er liegt unterhalb des für Schlammlawinen und Felsstürze durchlässigen Autobahnviadukts und braucht einen zusätzlichen Damm. Kostenpunkt: 368'000 Franken. Bund und Kanton übernehmen 70 Prozent, aber es bleiben der Gemeinde 110'000 Franken. Auch hier versucht die Patenschaft für Berggemeinden zu helfen. «Wir sind dauernd auf der Suche nach Geld», sagt Gemeindepräsidentin Verena Tresch.

Gurtnellen Blick mit Lawinenverbauung vom Taghorn auf den Dorfteil Gurtnellen-Dorf.

Er schweigt
Gurtnellen sowie die Nachbargemeinden Göschenen und Wassen haben sich vor Jahren zur Kreisschule Urner Oberland zusammengetan. In Gurtnellen selber hat es drei Schulhäuser. Eines steht bereits leer, es fehlen die Jungen. Der Kindergarten ist in Göschenen, die Primarschüler sind auf die drei Dörfer im oberen Reusstal verteilt, die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe werden in Gurtnellen unterrichtet. Wenn sich die Situation nicht ändert, wird in absehbarer Zeit ein weiteres Schulhaus geschlossen werden müssen.

Gurtnellen, Göschenen und Wassen stehen vor ähnlichen Problemen: überdurchschnittlicher Rückgang der Einwohnerzahlen, eher tiefer sozialer Status der Bevölkerung, tendenzielle Überalterung, geringes Entwicklungspotential. «Auf längere Sicht kann eine Fusion nicht ausgeschlossen werden», sagt Verena Tresch. In Uri gibt es seit einigen Jahren Pläne für weitreichende Gemeindefusionen.

In der Kantonsregierung sitzt Beat Jörg, Bildungs- und Kulturdirektor. Er wohnt in Gurtnellen, ist Bürger von Gurtnellen und war unter anderem während 12 Jahren Gemeindepräsident. Wenn man im Dorf herumfragt, ob man davon profitiere, dass jetzt ein Gurtneller in der Kantonsregierung mitredet, lautet die Antwort «eher nein». Zum Zustand seiner Gemeinde will sich Beat Jörg gegenüber mir, dem fragenden Journalisten, nicht äussern. Schriftlich teilte er mit: «Ich finde es in meiner politischen Funktion nicht sinnvoll, Ihnen als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen. Eine klare Trennung zwischen Gemeinde und Kanton scheint mir kaum möglich.» Punkt.

Brutal dazwischen
Die meisten Gurtnellerinnen und Gurtneller arbeiten auswärts. Sechs sind in der ortsansässigen Schmelzmetall AG angestellt. Die Firma produziert Hochleistungswerkstoffe auf Kupferbasis, unter anderem für die Raumfahrt. Sie ist mit 24 Angestellten der grösste Arbeitgeber in der Gemeinde. Am Ende des 19. Jahrhunderts sah das noch ganz anders aus. Da hatte die Bevölkerung stark zugenommen wegen des Baus der Gotthard-Eisenbahn, den Granitsteinbrüchen und einer elektrochemischen Fabrik. Mächtige Häuser aus dieser Zeit prägen das Bild rund um den Bahnhof, wo schon lange keine Züge mehr halten. Vor 100 Jahren zählte Gurtnellen 1648 Einwohnerinnen und Einwohner, also drei Mal so viele wie heute.

Immerhin hat in Gurtnellen-Dorf, dem auf einer Terrasse erhöht liegenden Dorfteil, die Bergheimatschule für angehende Bergbäuerinnen wieder geöffnet. Die Vereine sind sehr aktiv, die Theatergruppe, der Faschingclub, die Armbrustschützen, die Brass Band, der Skiclub Geissberg, die Cäcilienvereine Dorf und Wiler, die Guggenmusik. Aber ein Rezept für Gurtnellens Zukunft? Für ein Dorf, das so schwierig zwischen dem wirtschaftlich aufblühenden Andermatt und dem prosperierenden Kantonszentrum rund um den Hauptort Altdorf liegt? Eine Gemeinde, die stets umrauscht ist von der Reuss und dem Transitverkehr auf der Gotthardautobahn? Weder Verena Tresch noch sonst eine der befragten Personen hat ein Rezept. Die Lösung müsse langsam wachsen, sagt einer. «Vielleicht bringt so ein Artikel neue Ideen», sagt die Gemeindepräsidentin. Hoffen kann man ja.